In einem Brief an das Staatsoberhaupt hob Schuster vor allem Wulffs „präzise Analyse“ hervor und betonte, dass der Islam heute in der Tat zu Deutschland gehöre: „Wir brauchen in Deutschland eine Willkommenskultur, damit sich die Einwanderer leichter mit ihrer neuen Heimat identifizieren“, so Schuster.
Die Stadt Stuttgart nimmt beim Thema Integration seit vielen Jahren eine Vorreiterstellung in Deutschland ein. Mit dem Bündnis für Integration hat Stuttgart als erste deutsche Stadt im Jahr 2001 eine Gesamtstrategie für die kommunale Integrationspolitik entwickelt. Grundprämisse dabei: alle Bürger – egal welcher Religion oder Herkunft – sind Stuttgarter. OB Schuster: „Wir verstehen kulturelle Vielfalt und das friedliche Zusammenleben von über 170 Nationen in Stuttgart als eine Bereicherung, die auch der wirtschaftlichen Entwicklung zugute kommt.“
Leitziele des Bündnisses für Integration sind die Förderung der Partizipation und der Chancengleichheit von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die Förderung des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die Nutzung der kulturellen Vielfalt für die Erweiterung der persönlichen und beruflichen Kompetenzen aller in der internationalen Stadtgesellschaft.
Partner des Bündnisses für Integration sind unter anderem die städtischen Ämter und Eigenbetriebe, Landesbehörden, Schulen, Hochschulen und andere Bildungsstätten, die Polizei, Unternehmen, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Gewerkschaften, die Agentur für Arbeit, Kirchen und Religionsgemeinschaften. Wichtige Bündnispartner sind auch die Träger der Freien Wohlfahrtspflege und Stiftungen. Die beim Oberbürgermeister angesiedelte Stabsabteilung für Integrationspolitik ist mit der Umsetzung der Ziele befasst.
Zu den zahlreichen Projekten im Rahmen des Bündnisses für Integration zählt beispielsweise die gezielte Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen. Eine wichtige Rolle spielen auch Patenschafts- und Mentorenprogramme in der Hauptschule, wie das Projekt „Startklar“. Hierbei unterstützen ehrenamtliche Seniorpartner Acht- und Neuntklässler bei der Berufsvorbereitung. Mit dem Projekt „Migranten machen Schule“ werden Zuwanderer gezielt für den Lehrerberuf gewonnen.
Große Bedeutung wird auch dem interreligiösen Dialog beigemessen. Hierfür gibt es in Stuttgart den Runden Tisch der Religionen. Im Jahr 2005 haben zahlreiche Religionsgemeinschaften das „Manifest für ein friedliches und aktives Miteinander der Religionen in Stuttgart“ unterzeichnet. Mit dem Forum der Kulturen wurde ein lebendiges interkulturelles Netzwerk geschaffen, das unter anderem das jährlich stattfindende Sommerfestival der Kulturen organisiert. Des Weiteren gibt es zahlreiche Projekte, mit denen das friedliche Zusammenleben in Stuttgart gestärkt und die Sicherheit für alle erhöht werden soll. Dazu gehören die Einbindung von Moscheevereinen in die Kommunale Kriminalprävention sowie präventive Angebote wie „Basketball um Mitternacht“. Zudem wirbt die Stadtverwaltung bei Zuwanderern gezielt dafür, sich für die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden.
Seit seiner Gründung im Jahr 2001 bildet das Stuttgarter Bündnis für Integration eine wichtige Grundlage bei der Entwicklung vergleichbarer Integrationskonzepte in anderen deutschen Städten. Von Stuttgart gingen ebenso Impulse für die Erstellung des Nationalen Integrationsplans der Bundesregierung und des Integrationsplans einiger Länder aus. Das Stuttgarter Bündnis für Integration dient zudem als Modell für die integrationspolitischen Handlungsempfehlungen des Europarates für die Mitgliedsstädte des Kongresses der Gemeinden und Regionen Europas.
Im Jahr 2006 hat Stuttgart in enger Zusammenarbeit mit europäischen Institutionen das Städtenetzwerk „Cities for Local Integration Policies for Migrants (CLIP)“ initiiert. Seitdem steht die Landeshauptstadt in regelmäßigem Erfahrungsaustausch mit 30 europäischen Städten und renommierten europäischen Forschungsinstituten zu Migrationsstudien. Die Stuttgarter Integrationspolitik war ferner Gegenstand zahlreicher Publikationen im In- und Ausland, unter anderem im britischen Handbuch „The Intercultural City“.
Die Integrationsarbeit der Stadt wurde durch die UNESCO mit dem „Cities for Peace“–Anerkennungspreis im Jahr 2004 und durch das Bundesinnenministerium und die Bertelsmann-Stiftung im Rahmen des Wettbewerbs „Erfolgreiche Integration ist kein Zufall“ im Jahr 2005 ausgezeichnet.
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Im Folgenden der Brief von Oberbürgermeister Wolfgang Schuster an Bundespräsident Christian Wulff im Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
angesichts der zum Teil lautstarken Einwendungen gegen Aussagen Ihrer Rede zum 3. Oktober 2010 möchte ich Sie als Oberbürgermeister einer Stadt, in der fast 40 Prozent der Bevölkerung im Ausland geboren oder Kinder von Einwanderern sind und in der über 60.000 Muslime leben, zu Ihrer präzisen Analyse beglückwünschen.
In der Tat: der Islam gehört heute zu Deutschland. In unserer globalisierten Welt steht nicht die Frage nach dem Woher im Vordergrund, sondern das gemeinsame Wohin. Wir brauchen in Deutschland eine Willkommenskultur, damit sich die Einwanderer leichter mit ihrer neuen Heimat identifizieren und hier auch engagieren. Entscheidend ist, dass die Menschen faire Chancen in Bildung und Beruf bekommen und sich in unseren Stadtgesellschaften aktiv mit ihren Talenten einbringen können.
Im kommenden Jahr sind es zehn Jahre, dass wir in Stuttgart ein „Bündnis für Integration“ geschlossen und alle Beteiligten an einen Tisch geholt haben. Es ist uns seither gelungen, den Bürgerinnen und Bürgern in Stuttgart zu vermitteln, dass Lebensqualität in unseren internationalen Städten wesentlich mit Offenheit, Toleranz und Chancengerechtigkeit zu tun hat. Sie tragen dazu bei, dass die Menschen nicht nur gerne miteinander leben, sondern auch sicher.
Dieses Miteinander ist auch ein entscheidender Pluspunkt im Wettbewerb um die besten Köpfe. Als Exportland geht es darum, in Deutschland auch morgen und übermorgen noch die besten Produkte weltweit anbieten zu können, um Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern.
Trotzdem wurde auf der nationalen Ebene in den vergangenen Jahrzehnten vieles versäumt. Dort, wo Sie zu Recht „Nachholbedarf“ identifizieren, sind die entscheidenden Aktionsfelder, auf denen die Zukunft unseres Gemeinwesens mitentschieden wird. Die Initiative von Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel für einen Integrationsgipfel und, daraus folgend, der nationale Integrationsplan waren – wenn auch spät – wesentliche Weichenstellungen.
Ihre Diagnose und Ihre Mahnungen eröffnen die Chance, Integrationspolitik in Deutschland künftig differenzierter, lösungsorientierter und beharrlicher zu diskutieren und zu gestalten. Dies wäre dem zentralen Zukunftsthema zu wünschen. Ich biete gerne die Mitarbeit der Landeshauptstadt Stuttgart dabei an.“


